Silicon Jungle (Baluja)

Was wäre, wenn ein großer IT-Konzern seine gesammelten Kundendaten miteinander verknüpfen würde, um bestimmte Personengruppen auszufiltern? Hinsichtlich der gezielten Ansprache von potentiellen Käufern im  Auftrag von Werbekunden gehört „Data Mining“ seit langem zum Alltagsgeschäft. Aber welche Sprengkraft können diese Daten entwickeln, wenn sie politisch genutzt werden? Und ist nicht auch die Handhabung der Daten diesseits der Grenze zur Illegalität bereits gruselig genug?

Wer nach der Lektüre dieses Buches über den Dschungel in Silicon Valley nicht umgehend seinen googlemail-Account löscht und eine alternative Suchmaschine wählt, hat entweder starke Nerven oder mutmaßt, dass es bei anderen Anbietern auch nur graduell – aber eben nicht grundsätzlich – besser läuft… Bekennender Fan von wirksamen Datenschutzrichtlinien zum Schutz der Privatsphäre wird vermutlich jedeR LeserIn in Sekundenschnelle.

„Jedes Mal, wenn irgendwer über Ubatoo eine E-Mail verschickte oder etwas in einen Chat tippte, wurde in den gewaltigen Datenbanken des Unternehmens eine Kopie davon gespeichert. Jede Ubatoo-Suchanfrage, ob mitten in der Nacht in den eigenen vier Wänden oder während der Arbeitszeit in der Firma, wurde zwecks Analyse protokolliert. Du brauchtest  nur deine Ubatoo-Profil upzudaten, und schwups wurden sieben Kopien von deiner Seite auf allen Ubatoo-Servern upgedated, wo immer auf der Welt sie sich befanden. Von sämtlichen Präsentationen und Dateien, die auf Ubatoo hochgeladen und erstellt wurden, um sie sicher zu verwahren oder gemeinsam mit Kollegen, Müttergruppen und Vorstandsmitgliedern zu nutzen, wurden zusätzliche Back-Ups gesichert – die Ubatoo-Datenwolke, riesige Server-Farmen, je ein Dutzend auf sechs der sieben Kontinente, die genauen Standorte waren nur wenigen Mitarbeitern von Ubatoo bekannt.“ (S. 79f.)

Stephen Thorpe, ein gescheiterter IT-Start-Up-Unternehmer, beginnt im Silicon Valley ein Data-Mining-Praktikum bei dem gigantischen Konzern Ubatoo. Nur wenigen aus seiner Gruppe wird es gelingen, mit fester Anstellung in den Konzern übernommen zu werden. Entsprechend ehrgeizig widmet er sich seinen Projekten. Seine Freundin Molly Byrne promoviert derweil über die Nutzung von Internetforen im Nahen Osten und richtet zu diesem Zweck ein solches Forum ein, in dem sie selber unter verschiedenen Identitäten postet.

Die Freiheit, die Stephen genau wie seine MitpraktikantInnen im Umgang mit Ubatoos Daten genießt, scheint unermesslich. Neben konkreten den Aufträgen im Dienste der Werbekunden (Kundenprofile für den Absatz von Diätpillen usw.)  haben sie Zeit und viele Möglichkeiten, höchst kreativ neue Projekte zu entwickeln.

Eines der – für sie – lustigsten Projekte ist eine Verknüpfung der jeweiligen Internet-Nutzung (mailen, surfen, chatten, einkaufen, Videos ansehen, Pornos suchen…) mit den Daten eines Stadtplans bzw. Street-Views. Auf den riesigen Monitoren in den Arbeitsräumen bei Ubatoo leuchten die Wohnungen der User je nach aktueller Nutzung in Echtzeit in verschiedenen Farben auf.

Bei Stephen meldet sich ein Vertreter der American Coalition for Civil Liberties (ACCL)  der ihn bittet, eine Analyse von sämtlichen Aktivitäten in Zusammenhang mit 960 Buchtiteln zu machen. Mit Feuereifer wirft sich Stephen auf dieses Projekt, von dem er annehmen soll, dass sein Vorgesetzter ihn um die Erfüllung dieser Aufgabe gebeten hat. Er erstellt eine Liste von 5000 Personen, die zu diesen Buchtiteln passen. Doch leider gerät diese Liste in die Hände von Fundamentalisten – und auch Molly radikalisiert sich zusehends…

Gesamteindruck: Lesenswert – auch wenn es für europäische LeserInnen vielleicht nicht der Verknüpfung mit Al Qaida und dem US-amerikanischen Heimatschutz bedurft hätte, um für den problematischen Umgang mit großen Datenmengen und Rechnerleistungen zu sensibilisieren.

AutorIn: Shumeet Baluja

Titel: Silicon Jungle

Erscheinungsjahr: 2012

Umfang: 370 S.

Verlag: Suhrkamp

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